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Zölibat. Prof. Hubert Wolf in der Stadtakademie

Zoelibat

Einen fulminanten Vortrag erlebte das Publikum der Evangelischen Stadtakademie München am 10.10.2019 im vollen Vortragsaal, als Hubert Wolf, Professor für Kirchengeschichte in Münster, über den Zölibat sprach. Eingangs erläuterte Wolf, wie er überhaupt auf das Thema „Zölibat“ kam. Verantwortliche für die Amazonassynode, auf der es um die Zulassung verheirateter Männer zum Priesteramt geht, baten ihn für die Vorbereitung, ein Gutachten mit historisch relevanten Positionen zusammenzustellen.

Das Ergebnis seiner Forschung lässt sich in folgenden Punkten zusammenfassen: Aus dem Neuen Testament und der kirchlichen Tradition kann man den Pflicht-Zölibat für Priester nicht begründen. Was Wolf rekonstruierte, war eine immerwährende Diskussion in der Kirche um den Zölibat sowie eine schrittweise Einschränkung der Sexualität der Priester, die allerdings erst 1917 im Codex Iuris Canonici offiziell ihren vorläufigen Abschluss fand. Dort wurde nämlich formuliert, dass nicht nur die Weihe zum Priester ein Ehehindernis ist, sondern die Ehe ein Hindernis für die Priesterweihe darstellt.

Diese Reglementierung betraf indes nur die katholische Westkirche. Die katholische Ostkirche bezog bereits im 7. Jahrhundert Stellung gegen das zölibatäre Leben der Priester. Es gibt also längst verheiratete katholische Priester.

Zölibat ist nicht gleich Zölibat

Hubert Wolf betonte unablässig, dass die Kirche immer wieder nach Argumenten gegen das Eheleben von Priestern suchen musste. Was darauf schließen lässt, dass es immer wieder verheiratete Priester gab.

In der Alten Kirche war zunächst die rituelle Reinheit beim Vollzug der Eucharistie ausschlaggebend, eine archaische Vorstellung aus der jüdischen und heidnischen Antike, die  aber nur die sexuelle Enthaltsamkeit verheirateter Priester vor der Feier Eucharistie voraussetzte, nicht die Ehelosigkeit.

Die Begründung des Zölibats erfolgte im Mittelalter dann vor allem aus ökonomischen Gründen: Die Güter der Kirche sollten nicht an die Kinder der Priester vererbt werden können. Später wurde die sexuelle Enthaltsamkeit der katholischen Priester als ein abgrenzendes Identitätsmerkmal gegen die Protestanten gesetzt.

Aber erst im 20. Jahrhundert wurde der Zölibat immer stärker spiritualisiert und als ein wertvolles und als unabdingbarer Gut, als „strahlender Edelstein in der Krone der Kirche“ definiert.

Wolf betonte, dass es keine Argumente aus dem Neuen Testament für einen Pflichtzölibat gibt, dass dieser kein Dogma und kein kontinuierlicher Bestandteil der Tradition ist und somit immer wieder an die pragmatischen Anforderungen der Zeit angepasst werden kann. Und dies alles mit Argumenten aus der eigenen katholischen Kirchengeschichte.

Güterabwägung als als Entscheidungsgrundlage

Was erfordert nun die Zeit heute, was wäre das Angemessene angesichts der Situation der Gegenwart? Ein eklatanter Priestermangel in der Amazonasregion (in Deutschland übrigens auch) führt dazu, dass Gläubigen die Eucharistie-Feier vorenthalten wird und damit verloren geht. Da diese aber als „Quelle und Höhepunkt des christlichen Lebens“ von der katholischen Lehre definiert wurde, handelt man in Sünde, unternimmt man nichts, um diesen Mangel zu beheben.

Ein anderer Punkt, der für Wolf für die Aufhebung des Pflichtzölibats spricht, ist dass der Zölibat von der Studie, die die Deutsche Bischofskonferenz selbst in Auftrag gab, als ein Risikofaktor für sexuellen Missbrauch bewertet wird. Zieht man aus all diesen Argumenten keine Konsequenzen, sieht Wolf die Kirche und ihre Amtsträger mit einem massiven Vertrauensverlust der Gläubigen konfrontiert.

Sich also auf die alte Tradition des besseren Arguments und der Güterbwägung zu berufen und einen pragmatischen Umgang mit dem leidvollen Thema „Zölibat“ zu finden, dafür plädierten Wolf und die Teilnehmer des Podiums Matthias Drobinski (SZ), Hiltrud Schönheit (Vorsitzende des Katholikenrats München) und Dr. Andreas Batlogg (Theologe und Priester, Forum der Jesuiten). Der Pflichtzölibat sei nicht zu begründen, ein freiwilliger Zölibat stehe aber als Lebensform jedem offen, wie es bei Ordensleuten der Fall ist. Die Freiheit von familiärer Verantwortung kann dabei auch ein mutigeres Eintreten in politisch schwierigen Situationen ermöglichen.

Die spannende Geschichte der Entstehung des Zölibats, können Sie im Buch von Prof. Wolf nachlesen. Das kurze Gespräch von Julia Koloda mit Hubert Wolf bietet Ihnen einen kleinen Einblick in die aktuelle Diskussion.

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