München, 10. Juli 2026
Digitalisierung und Künstliche Intelligenz (KI) verändern unseren Alltag. Dazu zählen auch Grundlagen und die Art unseres Lernens, denn die neuen Technologien haben längst Einzug in das Bildungssystem gehalten. Was das bisher bewirkt hat, und vor welchen Herausforderungen wir künftig stehen – darüber diskutierten Fachleute aus Pädagogik, Psychologie, KI und Neurobiologie bei acatech am Dienstag in der Evangelischen Stadtakademie München mit dem Publikum.
Die Leiterin der Evangelischen Stadtakademie München, Barbara Hepp, und acatech Präsidiumsmitglied Michael Zäh (TU München), begrüßten die Gäste und freuten sich, dass hier wieder eine gemeinsame Kooperationsveranstaltung zu einem hochaktuellen und gesellschaftlich relevanten Thema stattfindet.
Wie lernt das Gehirn?
Den Auftakt machte Tobias Bonhoeffer vom Max-Planck-Institut für biologische Intelligenz mit einem Blick auf die Grundlagen des Lernens. Eine Schlüsselrolle spielt dabei der Hippocampus – jene Hirnregion, die neue Erinnerungen dauerhaft speichert. Wie wichtig sie ist, zeigten schon frühe Untersuchungen an Patienten, denen der Hippocampus entfernt werden musste: An bereits Erlebtes konnten sie sich weiterhin erinnern, neue Informationen blieben jedoch nicht mehr dauerhaft im Gedächtnis verankert. Auf der Ebene einzelner Nervenzellen zeigt sich das Lernen an den Synapsen, den Verbindungsstellen zwischen den Zellen. Wachsen dort feine Fortsätze, entstehen neue oder stärkere Verbindungen. Genau diese Veränderungen bilden die biologische Grundlage dafür, dass wir Neues lernen.
Lernen mit KI: zwischen Unterstützung und Kompetenzverlust
Wie Künstliche Intelligenz das Lernen verändert, zeigte acatech Mitglied Ute Schmid von der Otto-Friedrich-Universität Bamberg. Sie bekräftigte, was sich aus der Biologie ableiten lässt: Lernen bedeutet weit mehr, als sich Fakten einzuprägen. So entstehe echtes Verständnis erst dann, wenn Menschen Zusammenhänge erkennen, Probleme selbst lösen und neues Wissen auf unbekannte Situationen übertragen können. Genau hier sieht sie Schwächen vieler KI-Chatbots und Lernplattformen. Denn sie liefern oft schnell Antworten und unterstützen beim Auswendiglernen. Ein tieferes Verständnis hingegen fördern sie eher selten.
Besonders kritisch schätzt Ute Schmid die Gefahr ein, das Denken an KI auszulagern. Wer Aufgaben überwiegend von einer KI lösen lässt, spart zwar Zeit, verzichtet aber auf den eigenen Lernprozess. Doch genau dieser ist entscheidend, um Fachwissen und Problemlösungskompetenz aufzubauen. Auch die Fähigkeit, KI-Ergebnisse richtig einzuordnen und kritisch zu bewerten, entsteht nur durch eigenes Wissen und eigene Erfahrung – und wird im Umgang mit generativer KI immer wichtiger.
Als vielversprechende Alternative stellte Ute Schmid sogenannte intelligente Tutorsysteme vor, an denen bereits seit Jahrzehnten geforscht wird. Moderne Systeme kombinieren Sprachmodelle mit fachspezifischem Wissen. Sie erkennen typische Denkfehler, geben individuelle Rückmeldung und begleiten Lernende Schritt für Schritt. Ihr Ziel ist nicht, möglichst schnell die richtige Antwort zu liefern, sondern Menschen dabei zu unterstützen, Zusammenhänge selbst zu verstehen und ihre Fähigkeiten weiterzuentwickeln. Ebenso wichtig: ein grundlegendes Verständnis davon, wie KI funktioniert. Nur wer ihre Möglichkeiten und Grenzen kennt, könne ihre Ergebnisse realistisch einschätzen. Die Expertin verglich diese Fähigkeit mit dem Autofahren: Niemand muss einen Motor bauen können, um ein Auto zu fahren. Verkehrsregeln, Risiken und die Funktionsweise des Fahrzeugs sollten jedoch bekannt sein. Für den kompetenten Umgang mit KI gelte das Gleiche.
Basiskompetenzen bleiben unverzichtbar
In der von Marc-Denis Weitze (acatech Geschäftsstelle) moderierten Podiumsdiskussion sprachen acatech Mitglied Manfred Prenzel (Technische Universität München) und Martin Wunsch (Bayerisches Staatsministerium für Unterricht und Kultus) über mögliche Konsequenzen für das Bildungssystem. Martin Wunsch betonte, dass das Bildungssystem auf den rasanten Einzug generativer KI nicht vorbereitet war. Derzeit prüfe man, welche Anwendungen das Lernen tatsächlich verbessern können. Bayern habe bereits mit Fortbildungen und neuen Werkzeugen reagiert, doch die Entwicklung verlaufe weiterhin rasant. Insofern seien interdisziplinäre Herangehensweisen wie auf diesem Podium sehr hilfreich. Manfred Prenzel hob vor allem die Chancen der neuen Technologie hervor: KI könne Lehrkräfte dabei unterstützen, Schülerinnen und Schüler individueller zu fördern und besser auf unterschiedliche Lernvoraussetzungen einzugehen. Dieses Potenzial werde bislang noch längst nicht ausgeschöpft.
Die Diskussion integrierte auch eine grundsätzliche Frage: Welche Fähigkeiten brauchen Menschen künftig noch, wenn KI immer mehr Aufgaben übernehmen kann? Konkret: Müssen Schülerinnen und Schüler weiterhin Fremdsprachen lernen oder Texte selbst schreiben? Für Ute Schmid ist die Antwort klar: Basiskompetenzen bleiben unverzichtbar. Nicht jede traditionelle Lernmethode müsse erhalten bleiben. Entscheidend sei aber, dass die zugrunde liegenden Konzepte verstanden werden. Tobias Bonhoeffer erinnerte in diesem Zusammenhang an die Einführung des Taschenrechners. Schon damals sei gefragt worden, ob Kopfrechnen künftig überflüssig werde. Die Erfahrung habe jedoch gezeigt, dass technische Hilfsmittel grundlegendes Verständnis nicht ersetzen können.
In seinem Schlusswort fasste Thomas Zeilinger (Beauftragter der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern für Ethik im Dialog mit Technologie und Naturwissenschaft) die zentrale Botschaft des Abends zusammen: Auch im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz muss der Mensch im Mittelpunkt des Lernens stehen. KI kann Bildung sinnvoll unterstützen – die Verantwortung für den Lernprozess lässt sich jedoch nicht an Maschinen abgeben. Die entscheidende Frage sei nicht, wie viel KI in den Unterricht gehört, sondern wie und wofür sie eingesetzt werde. Ihr größter Nutzen liege dort, wo sie Menschen dabei hilft, Zusammenhänge besser zu verstehen, Urteilsvermögen zu entwickeln und Probleme eigenständig zu lösen.
Autor: acatech
