Ein Gespräch über die Vitalität der Münchner Kulturlandschaft: Roman Sladek, Künstlerischer Direktor des Bergson Kunstkraftwerks, und Daniel Veldhoen, Künstlerischer Direktor der Münchner Kammerspiele, erklärten, wie Kunst abheben kann. Auch die städtische Kulturpolitik kam vor der anstehenden Kommunalwahl zur Sprache.
In der Reihe „Feierabendgespräche“ stellen die Evangelische Stadtakademie München und der kda Bayern regelmäßig Menschen vor, die in der Münchner Stadtgesellschaft und Arbeitswelt Spannendes bewegen. Auch die Kulturszene ist ein Stück Arbeitswelt. Zugleich inspiriert und beflügelt sie im Idealfall eine ganze Stadt.
Ein neuer Kulturhotspot und ein traditionsreiches Theater
Roman Sladek und Daniel Veldhoen repräsentieren zwei ganz unterschiedliche Münchner Kulturadressen: Das erst 2024 gegründete und privatwirtschaftlich geführte Bergson Kunstkraftwerk im Stadtteil Aubing und die Kammerspiele, das öffentlich finanzierte „Theater der Stadt“, das sich seit genau 100 Jahren in der Maximilianstraße befinden.
„Wie kann Kunst fliegen?“, lautete die Frage des Abends, die Akademieleiterin Barbara Hepp zu Beginn stellte. Eine gute Antwort darauf gibt das Bergson, dass seit eineinhalb Jahren die Stadt in Erstaunen versetzt. Das ehemalige Heizkraftwerk wurde von der Unternehmerfamilie Amberger zu einer Art Kunstkathedrale mit einer 25 Meter hohen Decke, mit Galerien, mehreren Konzerträumen und Restaurants umgebaut. Drei Hausorchester spielen hier. Darüber hinaus gibt es bildende Kunst, Parties, Events, wissenschaftliche Vorträge oder Buchpräsentationen zu erleben.
Verantwortlich für diese Vielfalt ist Roman Sladek, Künstlerischer Direktor und Geschäftsführer des Bergson, zugleich auch Posaunist und Leiter der Jazzrausch Bigband. Auf die Frage, wie er die Aufgabenfülle bewältigt, sagte Sladek: „Es ist koordinative Teamleistung. Ich kann diesen Job aber gerade deshalb machen, weil ich im Jahr auch 150 Konzerte spiele. Im Grunde bin ich sehr faul. Daher neige ich zur Effizienz.“
Plötzlich hat München einen „smarten“ Konzertsaal
Der Erfolg spricht für sich: 400.000 Besucher zählte das Berson bereits, etwa 200 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beschäftigt es inzwischen. Ein besonderer Anziehungspunkt ist das „Elektra Tonquartier“, ein Konzertsaal mit knapp 500 Plätzen und einer variablen Raumakustik, die per Knopfdruck klingen kann wie eine Kirche, wie die Elbphilharmonie oder wie ein Jazzclub. „Es gibt keine gute oder schlechte Akustik, sondern nur eine passende oder eine unpassende“, erklärte Sladek. In einer Stadt, die seit Jahrzehnten auf ein neues Konzerthaus wartet, ist dieser von vielen gerühmte „smarte“ Konzertsaal eine besondere Überraschung.
Gesellschaftliche Bubbles begegnen sich
„Muss sich das Bergson rechnen?“, fragte Philip Büttner, Moderator des Gesprächs und Referent beim kda Bayern. „Wir sind eine nicht-geförderte Einrichtung, ein Wirtschaftsbetrieb. Das Bergson muss erfolgreich sein“, so Sladek. Es gibt dabei jedoch Spielraum für ein besonderes Ticketmodell: Besucherinnen und Besucher können selbst entscheiden, ob sie den Fair-Price, den Support-Price oder den vergünstigten Social-Price zahlen möchten. Roman Sladek möchte Kulturerlebnisse für unterschiedliche Menschen schaffen. „Niemand will in der Zielgruppe ‚Alle‘ sein“, sagte er. „Gesellschaftliche Bubbles gibt es, weil die Leute das so wollen, weil es ihnen Halt gibt.“ Zugleich sei das Bergson aber auch ein Ort, an dem sich verschiedene Bubbles begegnen würden.
Sieben Stunden „Wallenstein“ – ein großer Erfolg bei Publikum und Theaterkritik
„Ein Theater für die ganze Stadt“ zu sein, ist der explizite Anspruch der Münchner Kammerspiele. Als deren Künstlerischer Direktor konnte sich Daniel Veldhoen gerade über eine doppelte Auszeichnung freuen: Die Kammerspiele wurden mit gleich zwei Produktionen des letzten Jahres zum Berliner Theatertreffen eingeladen – was in etwa so ist, wie einen doppelten Oscar zu gewinnen. Das dabei ausgezeichnete, siebenstündige Theaterstück „Wallenstein“ legt Veldhoen den Teilnehmenden in der Stadtakademie besonders ans Herz. Das sei zwar kein leichter Stoff, aber würde vom Publikum geliebt. Zugleich wollen die Kammerspiele das Theater zugänglich auch für weniger theateraffine Menschen machen und ihnen im wahrsten, räumlichen Sinne näher bringen, wie etwa durch das zweijährige Projekt „Theaterlabor Neuperlach“.
Millionenkürzungen im städtischen Kulturbudget
Nach der lang nachwirkenden Corona-Flaute steigen die Auslastungszahlen der Kammerspiele wieder auf ein hohes Niveau. Dennoch sind die Aussichten für das Theater mit seinen 350 Mitarbeitenden derzeit unsicher. An kreativer Energie mangelt es nicht, wohl aber zunehmend an der Finanzierung. Kurz vor Weihnachten hat der Stadtrat eine neue Spar-Runde in der Kulturpolitik beschlossen, von der die Kammerspiele hart getroffen werden. Konnte die letzte Millionen-Kürzung noch mit Rücklagen einigermaßen aufgefangen werden, ohne das künstlerische Programm einzuschränken, wird es 2026 schwierig. „80 Prozent sind Personalkosten“, sagte Veldhoen. „Der einzige Betrag , an dem gespart werden kann, ist das Geld für die Kunst. Dann aber gibt es ein Theater ohne Theater.“ Dennoch ist Veldhoen zuversichtlich, dass die Stadt München den Stellenwert der Kammerspiele kenne und sie nicht kaputtsparen werde.
„Kultur konkurriert nicht, sie bereichert sich“
Gibt es ein gemeinsames kulturpolitisches Anliegen von Bergson und Kammerspielen? „Wir sind auf jeden Fall keine Konkurrenz“, sagte Daniel Veldhoen. “ Kultur konkurriert nicht, sondern bereichert sich gegenseitig. Gemeinsam haben alle Kulturschaffenden eine stärkere Stimme.“ Für die öffentlich geförderte Kultur wünscht er sich von der Stadt vor allem mehr Planungssicherheit.
Roman Sladek hob die Bedeutung der Kultur für die Anziehungskraft der gesamten Stadt hervor. Sie diene letztlich auch dem Wirtschaftsstandort. Unternehmen, die sich hier ansiedelten, wollten, dass ihre Beschäftigten hier auch etwas erleben könnten. Das gelte für alle Städte: „Würde sich irgendjemand für New York interessieren, wenn es dort nicht dieses fantastische Kulturangebot gäbe?“
Autor: kda Bayern
Bilder: Evangelische Stadtakademie München, kda Bayern, Bergson Kunstkraftwerk
