München, 16. Februar 2026
Ob Energieversorgung, Corona-Pandemie oder Künstliche Intelligenz – Wissenschaft liefert Erkenntnis und Orientierung. Allerdings nur selten in Form eindeutiger Fakten und unumstößlicher Wahrheiten, sondern meistens verbunden mit Unsicherheiten und Ambivalenz. Welche Rolle kann die Wissenschaft vor diesem Hintergrund bei gesellschaftlichen Diskussionen spielen? Auf welcher wissenschaftlichen Grundlage können politische Entscheidungen gefällt werden? Diese Fragen erörterten Fachleute am 10. Februar 2026 bei „acatech am Dienstag“ in der Evangelischen Stadtakademie München.
Doch diese Orientierungsleistung der Wissenschaft trifft auf ein gesellschaftliches Klima, in dem Gewissheiten schwinden. Zum Auftakt analysierte acatech Mitglied Ortwin Renn (Research Institute for Sustainability, RIFS) diese Herausforderung anhand der Vorsilbe „post“, die als Signatur unserer Epoche dient: Postmoderne, Postdemokratie, postfaktisches Zeitalter. Ortwin Renn erklärte, dass es Lügen und Manipulation zwar schon immer gab, nun aber die Grenze zwischen wahr und falsch selbst von Fachleuten schwer zu ziehen ist.
Drei Wenden – neue Herausforderungen der Wissenschaftskommunikation
Es werde immer schwieriger, Wahrheit von Unwahrheit zu unterscheiden. Ortwin Renn verwies hier auf die wachsende Komplexität vieler Probleme, den Umgang mit Wahrscheinlichkeiten und die Bedeutung der jeweiligen Perspektive für unsere Wahrnehmung von Wirklichkeit: Ein Grund dafür sei die sogenannte Komplexitätswende. Vieles ist von einem Geflecht von Ursachen beeinflusst, lineare Ursache-Wirkungs-Beziehungen bilden die Ausnahme. Um zu kausalen Aussagen zu gelangen, müssten wir vereinfachen. Doch je stärker sich der Kontext verändere, desto schwieriger werde es, eindeutige Wirkungszusammenhänge zu bestimmen. Allenfalls im Nachhinein lasse sich vieles erklären – verlässliche Prognosen im Voraus zu treffen, sei jedoch schwer.
Hinzu komme die „stochastische Wende“. In einer Welt, die zunehmend von Wahrscheinlichkeiten geprägt sei, führe eine Ursache nicht mehr eindeutig zu einer Wirkung. A könne nicht nur B, sondern mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit auch C bewirken. Wissenschaft arbeite daher oft mit Mittelwerten und Wahrscheinlichkeiten, während deterministische Gewissheiten selten geworden seien. Das ist für viele Außenstehende kaum zu verstehen und führt zu dem Missverständnis, dass Wahrheit beliebig geworden sei. Wenn man aber Wahrheit nach dem Grad der persönlichen Wünschbarkeit beurteile, sei die Enttäuschung vorprogrammiert. Die Natur arbeitet aufgrund ihrer eigenen Gesetzmäßigkeiten und die sind von unseren Wünschen unabhängig.
Schließlich die linguistische Wende: Unsere Erkenntnis ist eng mit Sprache verknüpft: Zunächst nähmen wir lediglich Farben und Formen wahr, erst durch Sprache und Begriffe entstehe Bedeutung. Verschiedene Disziplinen betrachten denselben Gegenstand unterschiedlich: Ein Baum ist für einen Botaniker ein biologischer Organismus, für einen Ökonomen eine Ressource. Diese unterschiedlichen Perspektiven liefern verschiedene, aber jeweils in sich schlüssige Interpretationen.
Wenn man dann so weit geht einzugestehen „Alles Wissen ist relativ“, bedeutet das keine Beliebigkeit, betonte Ortwin Renn. Wissenschaftliche Erkenntnisse seien intuitiven Einschätzungen grundsätzlich überlegen, wenn es um kausale und funktionale Zusammenhänge gehe. Ortwin Renn ist davon überzeugt, dass Wissenschaft unsere Urteilskraft stärkt und verbessert, in dem sie gerade differenzierte Ergebnisse liefert statt nur pauschale Urteile über wahr und falsch. Für Entscheidungen ist es besonders wertvoll, über Wissen zu verfügen, was als sicher, wahrscheinlich, möglich oder absurd einzustufen ist.
Wissenschaft liefert Orientierung, keine Handlungsanweisung
Auf die Frage von Moderator Thomas Zeilinger (Beauftragter der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern für Ethik im Dialog mit Technologie und Naturwissenschaft), wie Medien mit dieser wissenschaftlichen Unsicherheit umgehen, antwortete Marlene Weiß (Süddeutsche Zeitung): Es sei Kern der journalistischen Praxis, zwischen begründeter Unsicherheit und willkürlicher Beliebigkeit zu trennen.
Die Leserinnen und Leser der Süddeutschen Zeitung erwarteten Einordnung. Besonders relevant werde Journalismus dort, wo die Wissenschaft noch keine eindeutigen Antworten habe. Hier gehe es nicht darum, fehlende Fakten durch Meinung zu ersetzen, sondern die Unsicherheit selbst als wesentlichen Teil des Erkenntnisprozesses transparent zu machen. Die journalistische Aufgabe sei es, Entwicklungen zu beobachten, Wahrscheinlichkeiten abzuwägen und die Grenzen des aktuellen Wissens verständlich zu machen, ohne in eine „False Balance“ zu verfallen, die wissenschaftlichen Konsens und Außenseitermeinungen gleich gewichtet.
Reiner Anselm von der LMU München betonte im Podiumsgespräch die ethische Dimension. Viele Menschen kennen Wissenschaft nur über die Medien – entsprechend groß sei die Verantwortung, deren Stärken und Begrenzungen aufzuzeigen. Wissenschaft liefert verlässliches Wissen, aber keinen „Beipackzettel“, was man damit anfangen soll. Die Schlussfolgerung aus Erkenntnissen („Was ist das?“) ist immer eine wertebehaftete Entscheidung („Was bedeutet das?“). Man wisse zwar um die Veränderungen (etwa durch den Klimawandel), doch welche gesellschaftlichen Folgen daraus erwachsen – darüber gebe es unterschiedliche Deutungen. Die Wissenschaft, so Reiner Anselm, habe im Detail nie „recht“. Ihr Kern liege darin, Probleme zu erkennen und Gewissheiten infrage zu stellen.
Der eine Flug zählt doch – oder?
Auch Ortwin Renn betonte die Notwendigkeit, zwischen Fakten und Handlungsanweisungen zu unterscheiden. Wissenschaft könne Optionen aufzeigen, Szenarien beschreiben und Wahrscheinlichkeiten benennen. Welche dieser Optionen jedoch gewählt werde, sei keine wissenschaftliche, sondern eine gesellschaftliche oder individuelle Entscheidung. Es sei nicht Aufgabe der Wissenschaft, vorzuschreiben, was Individuen, Organisationen oder politische Gremien entscheiden oder tun sollen.
Marlene Weiß beklagte hier die Kluft zwischen Wissen und Handeln. Beispiel Klimaschutz: Hierzu etwa gebe es breite Zustimmung, solange das abstrakt bleibt. Wenn es jedoch um das eigene Verhalten gehe, um Verzicht oder Veränderung, stockt es.
Reiner Anselm stimmte zu und führte neben dem Klimawandel die Medizin an. „Der eine Flug“ oder „Die eine Impfung“ scheinen folgenlos, warum soll der einzelne sich hier beschränken oder einlassen – doch in der Summe entstehe eine Dynamik. „Seit der Antike denken wir nach über das Problem, wann ein Haufen ein Haufen sei – oder nur eine Ansammlung einiger Objekte.“ Die Gesellschaft, so Reiner Anselm, brauche Diskursräume wie „acatech am Dienstag“ und Veranstaltungen der Evangelischen Stadtakademie, um dieses Spannungsfeld von Wissen und Handeln faktenbasiert und mit Blick auf gesellschaftliche Folgen zu verhandeln.
Autor & Bildnachweis: kda Bayern
